Zwei Staaten namens Kalifornien

Marcus Kracht, 4. November 2017

San Francisco oder Fresno?

Wer wissen möchte, wie die Zukunft aussieht, kann sie auch gerne hier und jetzt ansehen, nur muss er dazu bereit sein, in weniger bekannte Orte zu fahren. Wer an Kalifornien denkt, kommt sicher leicht ins Schwärmen: Da gibt es Hollywood, Silicon Valley, jede Menge Sonne und reiche Menschen. Kalifornien ist schon für sich genommen ein reiches Land. Es wäre die fünftgrößte Wirtschaftsnation (rein vom Bruttoinandsprodukt). Pro Kopf verdienen die Menschen dort im Durchschnitt 66 000 US Dollar.

Die andere Seite der Geschichte erzählt uns Victor D. Hansen. In seinem Vortrag Two States of California zeigt er, wie gespalten Kalifornien ist. Da gib es auf der einen Seite die Küstenregion mit Silicon Valley, wo das Durchschnittseinkommen bei 120 000 Dollar liegt, und andererseits das, was das Tal (Central Valley) heißt, und wo das Durchschnittseinkommen etwa 16 000 Dollar beträgt (man sehe sich zum Beispiel den Artikel über Fresno County). Im Tal gibt es keine Hochtechnologie, hier wird aber das Obst und Gemüse angebaut, welches aus Kalifornien in die gaz Welt geschickt wird. Wobei eben Landwirtschaft für die meisten Menschen nur wenig abwirft (das ist in Europa nicht anders).

Victor Hansen ist emeritierter Professor für Altphilologie der Universität Fresno. (Kalifornien unterhält neben der University of California mit verschiedenen Standorten auch noch ein zweites System, die California State University, ebenfalls mit vielen Standorten.) Fresno liegt mitten im Tal, und Prof. Hansen lebt dort, weil er eine Farm besitzt. Er ist deswegen nicht arm, und er ist Republikaner. Das Letztere macht ihn in Kalifornien zum Außenseiter, zumindest an den Universitäten. Trotzdem sollte man sich seine Geschichte anhören, zumal er beide Seiten Kaliforniens kennt.

Das Bildungssystem

Das Schulsystem Kaliforniens gehört zu den schlechtesten der USA. Als Hansen seinen Posten in Fresno antrat, waren etwa 30 Prozent der Studenten nur provisorisch zugelassen. Sie besuchten sogenannte remedial courses; das sind solche Kurse, die einen überhaupt dazu befähigen sollen, normale Kurse zu besuchen (also Lesen und Schreiben lernen, wie er ausdrückt). So etwas gibt es bei uns auch und heiß zum Beispiel Brückenkurs. Seither wurden diese Kurse in das normale Curriculum aufgenommen. Immerhin wird die Rate noch erhoben. Inzwischen sind über 50 Prozent der Studenten remedial students.

Wie kann nun ein Staat einerseits ein schlechtes Schulsystem haben und andererseits Universitäten von Weltrang (CalTech, Stanford, UC Berkeley, UCLA sind unter den 10 besten Universitäten)? Ganz einfach: man muss die Professoren nicht selber ausbilden. Mit genügend Geld lassen sie sich von überall einkaufen. Einziger Preis dafür sind die (in ganz Amerika) in die Höhe schnellenden Studiengebühren. Hansen hat diesbezüglich eine in akademischen Kreisen bestimmt nicht sehr populäre Meinung. Er sieht Akademiker — durch Lebenszeitanstellung von ökonomischen Risiken geschützt — sich zunehmend von den Realitäten einer Bevölkerung entfernen, die sie angeblich vehement von den Zumutungen des Kapitalismus schützen wollen. Man ist links, aber ignoriert beharrlich die eigenen Privilegien, die mit inzwischen exorbitanten Studiengebühren finanziert werden.

Die Infrastruktur

Das Verkehrssystem ist bekanntermaßen schlecht. Aber wie schlecht es ist und wie die Regierung damit umgeht, ist schon ein Fall für sich. Zunächst einmal muss ich mit einem Vorurteil aufräumen: Es gibt tatsächlich Züge! Es gibt sogar eine Strecke Los Angeles / Sacramento. Diese ist allerdings eingleisig und der Zug fährt mit geschätzten 50 Stundenkilometern. Kein Wunder, dass sich progressive Kalifornier für einen Schnellzug stark gemacht haben. Allerdings kostet dieser glatt 100 Milliarden Dollar. Und die meisten Menschen haben davon rein gar nichts. Hansen vergleicht nur trocken, wie viel Staudämme man dafür bauen könnte. Die finanzielle Seite von diesem Traum habe ich schon einmal unter dem Titel Gigantomanie beleuchtet.

So wird man also nicht weiter kommen. Immerhin scheinen sich um Los Angeles herum mehr und mehr die Vorortzüge durchzusetzen. Ein Hoffnungsschimmer.

Für die Autofahrer ist das allerdings auch nichts Erfreuliches. Denn die Straßen sind ebenfalls ziemlich marode (Hansen sagt, sie seien so ziemlich die schlechtesten in den USA). Und während sie vor sich ihn rotten, kümmert man sich um deren Toiletten. Diese müssen nämlich seit Neuestem gender-neutral sein.

Kalifornien ist überall

Was Hansen umtreibt, ist die zunehmende Spaltung des Staates. Auf der einen Seite eine sich als progressiv gerierende Elite, die, gestützt durch überdurchschnittliche Einkommen zahlreiche Maßnahmen zum Umweltschutz oder zum Schutz der Bevölkerung institutionalisiert. Auf der anderen Seite eine Bevölkerung, bei der die Segnungen nicht ankommen, allenfalls die Kosten dafür. In seinem Buch Mexifornia beschreibt er zum Beispiel die Symbiose zwischen Kalifornien und Mexiko. Was junge Mexikaner nach Norden treibt, ist die Hoffnungslosigkeit im eigenen Land. Dieses ist insgeheim froh, dass diese Menschen gehen können anstelle daheim womöglich Unruhe zu stiften. In Kalifornien sind sie zumeist illegal (und fürchten deswegen jeden Kontakt mit der Polizei und den Behörden) und nehmen allerlei schlecht bezahlte Arbeit an. Den Wohlhabenden ist es ebenfalls recht, können sie doch auf diese Weise immer an günstige Arbeitskräfte kommen. Deswegen unternehmen sie auch nicht wirklich etwas dagegen. Allenfalls, so Hansen, beruhigen sie ihr Gewissen, indem sie etwas für deren "Identitätsbewusstsein" tun und sich zB für sogenannte Chicano-Studies einsetzen. Der Zaun, den Donald Trump bauen lassen will, ist ihnen stattdessen ein Symbol der Unmenschlichkeit. Dass aber auch die Eingewanderten für ihn sein könnten, diese Idee kommt ihnen nicht. Denn gerade die vor zwei oder drei Jahrzehnten eingewanderten Mexikaner fürchten die Neuankömmlinge, weil sie ihnen die Arbeit wegnehmen könnten.

Diese Szenen spielen sich derzeit eigentlich überall ab. Die Spaltung vollzieht sich schleichend aber unaufhaltsam. Sie wird vorangetrieben von einer Wachstumsschwäche beziehungsweise einem wirtschaftlichen Abschwung, der zunächst nach unten weitergegeben wird. Man betreibt eben Besitzstandswahrung. Der Angst der Unterschicht, abgehängt zu werden, wird mit dem Hinweis auf den Sozialstaat begegnet. In Deutschland sagt man an dieser Stelle dann gerne, die Leute müssten sich halt weiterqualifizieren. Als wenn das so einfach wäre.

Dazu kommt ein Wirtschaftssystem, das Arbeitskraft eigentlich nicht wirklich benötigt. Da Arbeit auf dem Land rar ist und zudem schlecht bezahlt, wandern immer Menschen in die Städte ab. Dort sind die Löhne zwar meist höher, aber die Menschen sind den wirtschaftlichen Entwicklungen direkter ausgesetzt als in der Stadt.

Die Jahrzehnte des Wohlstands sind an dem Bildungssystem der entwickelten Länder ebenfalls nicht spurlos vorbeigegangen. Der Niedergang ist mit den Händen zu greifen. Die Ausweitung höherer Bildungsanstalten führt in der Regel nur zu mehr Abschlüssen und nicht zwingend zu einer Vermehrung von Bildung. Dass man die Mathematik- und Physikkurse von Früher eigentlich nicht mehr geben kann, ohne die meisten Studenten abzuhängen, ist mir mehrfach bestätigt worden. Das hängt auch damit zusammen, dass das Gymnasium zur Regelschule geworden ist. Damit alle das Abitur bekommen können, muss es leichter werden. Als Schlaglicht hier ein Artikel aus der FAZ.

Die unangenehme Wahrheit

Zunächst einmal sei gefragt, warum sich niemand aufmacht, das zu ändern. Die Antwort ist meines Erachtens einfach: Es ist momentan nicht nötig. Die Wirtschaft bekommt offenkundig genug fähige Akademiker. Ihr Bedarf ist nicht gewachsen. Die anderen verschwinden in irgendwelchen Berufen, die zwar schlecht bezahlt sind, aber immerhin sitzt man im Gegensatz zu einem Arbeiter im Büro. An der Universität geht es ohnehin de facto nicht um Bildung sondern um Forschung. Oder sagen wir, um das Geld, um diese zu bezahlen.

Manchmal denke ich mir, die Idee, alle Menschen an der Universität aufzunehmen, ist eine verdeckte Maßnahme, die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Wer studiert oder so tut als ob, ist wenigstens nicht auf der Straße. Leider löst diese Strategie die angesprochenen Probleme nicht. Im Gegenteil, je mehr ich an der Universität arbeite, um so weniger bin ich davon überzeugt, dass zur Lösung unserer Problem noch mehr Forschung nötig wäre. Was nützt letztendlich all die Pädagogik oder Curricularforschung, wenn man die Ergebnisse nicht umsetzen kann oder darf? Spricht jemand etwa davon, wie viel Geld die Inklusion kostet, wenn sie Erfolg haben soll?

Leider haben sich die fortschrittlichen Kräfte der 68er ebenfalls nicht bewährt. Abgesehen davon, dass die meisten ohnehin den gleichen Oportunismus mitbrachten wie diejenigen, die sie kritisierten, haben sie wenig Respekt vor Andersdenkenden gezeigt. Die Zerstörung von Konservatismus und Tradition ist leider nicht aus Menschenliebe geschehen. Sie war Teil der Ideologie. Man denke nur an die Verhöhnung der Familienwerte, welche Teil der Bush Kampagne waren. Das war gewiss unnötig. (Frage: Was sollte an deren Stelle treten?) Und damit setzte man die Menschen nur noch stärker der Willkür des Kapitalismus aus, den man so leidenschaftlich kritisiert hatte. Diese Blasiertheit ist es, gegen die Hansen sich stellt. Sie wird uns noch beschäftigen. Der Kulturkampf ist auch in Deutschland angekommen. Wer wissen will, warum die Großparteien Stimmen verlieren, sollte auch darüber nachdenken, wem all die Projekte nützen, die im Land angeschoben werden. Wer wissen will, warum die EU am Zerfallen ist, sollte sich der Frage stellen, ob diese in der Lage ist, die Probleme der Länder angemessen zu berücksichtigen. Oder ob nicht doch — wie immer — die Interessen der Vermögenden am Wichtigsten sind. Oder was soll ein Arbeiter in Newcastle denken, wenn eine Bankerin in London dazu aufruft, doch bitte gegen den Austritt aus der EU zu stimmen? Es ist nicht, wie viele denken, allein eine Frage von Bildung, Alter, Geschlecht. Die, für die man sich stets einzusetzen behauptet, haben eine ganz eigene Sicht auf das, was gespielt wird. Und die speist sich auch aus der Realität, in der sie leben.





Marcus Kracht, 2017-11-4