Derivatewirtschaft

Marcus Kracht, 12. Mai 2017

Sekundärwirtschaft

In seinem Buch Der Sektor beschreibt Michael Hudson ausführlich, wie der von ihm so genannte FVI-Sektor (Finanz-, Versicherungen- und Immobiliensektor) die Macht an sich gerissen hat und die Regierungen vor sich hertreibt. Nur am Rande bemerke ich, dass der von allen inzwischen so geschätzte Präsident Obama 2008 die Wahl mit dem Versprechen gewonnen hat, er werde den Hauskäufern helfen, aus der Überschuldung herauszukommen. Am Ende aber hat der die Banken gerettet, nicht die überschuldeten Hausbesitzer. Dass ihm und Tim Geithner das nicht zum Verhängnis geworden ist (Obama war ja 2012 wiedergewählt worden) spricht Bände. Aber darum soll es hier nicht primär gehen. Sondern um die Problematik der Derivation.

Michael Hudson trennt die Wirtschaft in zwei Teile: der erste ist der produktive Sektor, der etwas herstellt oder Dienstleistungen anbietet, die die Menschen brauchen. Der zweite ist der Sektor der Rentierklasse, die nichts anbietet, sondern nur Mautstellen errichtet. Rentiers sind von dem Wegelagerer nur dadurch zu unterscheiden, dass sie das Gesetz hinter sich haben. Was sie tun, ist legal. Der Klassiker ist das Grundstück. Niemand hat es geschaffen, aber irgendwann hat jemand einen Zaun errichtet und es für seinen Besitz erklärt. Seitdem können die Nachfahren von den Früchten des Bodens leben, ohne selber arbeiten zu müssen. Sie müssen nur Menschen anheuern, die dies für sie tun, um dann einen Anteil der Ernte einzubehalten. Das ist die Bodenrente. Dass die Siedler es in Kanada versäumt haben, den Ureinwohnern ihr Land auf gleiche Art abzupressen wie in den USA, fällt ihnen jetzt übrigens auf die Füße. Wenn man Pipelines bauen will, muss man diese jetzt fragen (und evtl. auch am Geschäft beteiligen). Sie besitzen nämlich noch sehr viel Land. Es war halt zur Zeit der Besiedlung nichts wert und wahrscheinlich auch noch schwer zugänglich.

Aber wieder bin ich abgeschweift. Banken sind nicht notwendig nutzlose Einrichtungen. Ein Konto ist eine Dienstleitung, und für die war die klassische Bank zuständig. Fast alles andere, was Banken inzwischen machen, sind aber keine Dienstleistungen. Es geht bei dem was Banken tun nur noch darum, Werte hin- und herzuschieben und die Differenz einzubehalten. Zum Beispiel Aktienhandel. Beim Aktienhandel kann man sehr schön sehen. Früher war der Aktienbesitzer jemand, der in eine Firma investiert hatte und daraufhin Dividende bekam. Heute wird die Aktie selbst zum Handelsobjekt; man erwirbt sie wie ein Gemälde, in der Hoffnung, sie werde an Wert zulegen, und dann verkauft man sie schleunigst. Die Dividende macht den Aktienbesitzer zum Teilhaber am geschaffenen Mehrwert. Der Aktienhandel ist aber davon abgekoppelt. Dieser macht den Aktienverkäufer zum Teilhaber am Mehrwert der Aktie. Doch was genau ist der Wert der Aktie?

Die Parallele mit dem Gemälde ist sehr treffend. Im Grunde genommen ist der Aktienhändler nicht mehr an der Natur des Objekts interessiert sondern nur an seinem gegenwärtigen Marktwert. Der Marktwert wiederum hat wenig bis gar nichts mit dem geschaffenen Wert zu tun. Dass ein Unternehmen wie Uber einen phänomenalen Marktwert haben, verdanken sie dem Aktienkurs. Aber welchen Mehrwert genau schafft Uber? 50 Milliarden?

Den Aktienhändler muss das nicht interessieren. Der Marktwert ist unerheblich; unerheblich ist auch der geschaffene Mehrwert. Er ist ja nicht auf die Dividende aus. Lediglich die Schwankungen im Marktwert sind wichtig. Das ist die genuine Form der Derivatewirtschaft: Sie will nur wissen, ob es aufwärts zu gehen scheint oder nicht. Man verdient an der Veränderung des Marktwerts.

Niemand interessiert sich für reale Werte

Michael Hudson beklagt, dass es keine gesonderte Buchführung gibt für die Rentierwirtschaft, also den FVI-Sektor. Man kann in den Zahlen zum Bruttosozialprodukt nicht erkennen, wie viel nun auf das Konto von geschaffenem Mehrwert geht und wie viel nur Aneignung durch den FVI-Sektor ist. Dabei scheint mir, dass er eine Sache vergisst. Amerika hat nach seinem Aufstieg zur Agrarmacht (!) und dem anschließenden Produktionsboom schon lange die Industrieproduktion zugunsten eines viel einträglicheren Geschäfts vernachlässigt: des FVI-Sektors. Dabei geht es aber nicht einfach nur darum, dass der Sektor einheimische Werte an sich reißt; viel interessanter ist, dass man damit auch Werte anderer Staaten an sich ziehen kann. Das ist der Hintergrund, warum es so etwas wie internationale Investoren gibt: Das sind Leute, die Geld geben, um damit den geschaffenen Mehrwert abschöpfen zu können. Die USA haben so in den 90er Jahren vom Asienboom profitiert. Damit war klar, dass eine Produktionsbasis nicht nötig ist, um Geld zu verdienen, solange es genug Menschen und Regierungen gibt, die ein Interesse an der Erzeugung von echten Gütern haben.

Dass damit Landstriche dem Verfall preisgegeben wurden (siehe den Roman von J. D. Vance, Hillbilly Elegy) hat man irgendwie hingenommen, zumal das ohnehin irgendwelche küstenferne Gegenden waren, die einem intelligenten Amerikaner (sprich: New Yorker oder Kalifornier) ohnehin suspekt waren. Sie wagen nicht zu denken, dass Hillary Clinton nicht gewählt wurde, weil ihr das Schicksal dieser Leute egal war. Andererseits ist es natürlich sonderbar, dass Donald Trump deutsche Stahlerzeuger des Dumpings bezichtigt. So, als habe es eine Vernachlässigung des heimischen Sektors nie gegeben.

Man redet offenkundig ständig um das eigentliche Problem herum. Das Problem besteht darin, dass, nachdem das Wachstum aus dem Produktionssektor geschwunden war, nunmehr einzig der FVI-Sektor Wachstum versprach, und zwar auch dann, wenn man selbst gar nichts mehr herstellte. Man nehme nur diesen Artikel aus dem Economist Take Away Finace, and Britain's Foreign Investment Figures Collapse. Klartext: Großbritannien hat sich (wie auch Amerika) der Rentenextraktion veschrieben. Die Produktion wird dem Verfall preisgegeben, während man an der Londoner City sich eine goldene Nase verdient. Großbritannien ist dabei ein noch krasseres Beispiel als die USA.

Die Strategie, die man in Großbritannien gefahren hat, war zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus rational, und sie wurde Deutschland ebenfalls dringend empfohlen. Dass man hier zu langsam darauf reagiert hat, war im Grunde ein Glücksfall. Denn Deutschland hat Dinge, die es exportieren kann. Wie lange wir davon profitieren werden, ist aber die Frage. Denn Deutschland lebt zwar im Moment von der Produktion, aber es bleibt wie immer die Frage, was der Wert dessen ist, das man produziert. Charles Gaves sagt im Interview mit Zerohedge: "The Germans have made a colossal mistake, which is that they have all the production in Germany. So they're extremely efficient, well-organized, and they have developed massive current account surpluses. Half of that surplus is in cars. The margin on cars is around 4%. Imagine that the euro breaks down. The deutschmark comes back. The deutschmark goes up 15, 20%. And the whole German industry, all the production base in Germany, becomes bankrupt in no time at all. " Klartext: Der Euro war ein großes Geschenk an Deutschland, da er die Wechselkurse stabilisiert hat. Das Ende des Euro wäre das Ende des deutschen Exportwunders. Soweit Charles Grave. Das größere Risiko ist allerdings, dass sich der Verbrennungsmotor in den nächsten Jahren verabschieden wird. Das wird das Geschäftsmodell der Autobauer insgesamt infrage stellen. Das nur am Rande.

Wachstumsillusionen

Wer also an der Derivation von Werten verdient, nährt insgeheim die Illusion, es ginge auch ohne reale Werte.

Die Lage erinnert an die Leute von Gergovia bei Asterix. Alle verkauften dort Weine und Kohlen. Angeblich machten sie sich keine Konkurrenz sondern saßen am Nachmittag beisammen und erzählten sich gegenseitig über die guten alten Zeiten in Lutetia, wo sie alle — Weine und Kohlen verkauft hatten. Wahrscheinlich hatte das nichts ausgemacht. Solange hinter dem Haus ein großer Garten ist, den man täglich pflegt, kommt genug Essen auf den Tisch. Geld braucht man dann eigentlich nicht.

Aber wehe, man hat den Garten verkauft. Dann ist man auf den Geldverdienst angewiesen. Dann verschwindet diese Art der Wirtschaftsform. Sie macht einer neuen Form des Wirtschaftens Platz: diejenigen, die keinen Garten haben, müssen von denen, die einen haben, einen Teil der Früchte bekommen.

Das wird als Fortschritt dargestellt, hat aber einen Haken. Es können nicht alle das Gärtnern aufgeben, dann gibt es nichts mehr. Und genauso können sich nicht alle gleichzeitig auf Finanzen zurückziehen kann, weil am Ende des Tages auch der Spekulant hofft, in seinem Restaurant um die Ecke werde noch wirklich gekocht und nicht mit Restaurantaktien gehandelt. Genauso wenig können nicht alle Länder gleichzeitig exportieren, dann wäre niemand da zum Importieren.

In Zeiten, wo die Wirtschaft real wächst, scheint es so, als müsse man sich nicht wirklich bemühen. Man hält einfach die Hand auf. Auf diese Weise gelingt es, die Produktivitätsfortschritte auf eine breitere Schicht der Gesellschaft umzulenken. Erst profitierte der Firmenchef und seine Arbeiter, dann schließlich die Aktionäre, die Banken, Versicherungen, Aktienhändler. Und schließlich die Restaurants, Künstler und viele andere, die Dienste bereitstellen, die Leute mit Geld nachfragen. Und eine Weile lang sieht es so, als entstehe der Mehrwert ganz von alleine.

Wenn allerdings die Basis des Ganzen stockt, bricht irgendwann alles in sich zusammen. Bis dahin wird man allerdings vergessen haben, warum das so ist. Wie oft lese ich, dass es in einem Land nicht vorwärtsgeht, weil es die falsche Wirtschaftspolitik habe. Mag sein, dass die Wirtschaftspolitik etwas ausmacht. Aber kann es auch sein, dass manche Formen der Werterzeugung nicht funktionieren? Wenn zum Beispiel Venezuela auf viel Öl sitzt, das schlicht unverkäuflich ist, wie kann man mit Hilfe von wirtschaftlichen Anreizen daran etwas ändern (außer Exportsubventionen)? Und welche Anreize wird man in Griechenland setzen müssen, damit genau noch mal welche Werte erzeugt werden können? Und wenn sie erzeugt werden, geht das nicht zu Lasten anderer, die dann nicht mehr verkaufen können (und deswegen diese Umstellung am liebsten verhindern)?

Man stelle sich — nur versuchsweise — vor, die Erzeugung der realen Werte kann nicht gesteigert werden. Was wird dann aus den ganzen derivierten Geschäften? Wenn sie noch wachsen, dann doch nur, indem sie stets mehr von dem existierenden Werten an sich reißen. Genau das läuft momentan ab. Die Expansion des FVI-Sektors erzeugt eine Wachstumsillusion, welche geschickt genutzt wird, um ihnen noch mehr Wachstumsmöglichkeiten zu geben. Aber Banken machen nicht irgendwelche Geschäfte. Sie verlangen, am Realwert beteiligt zu werden im Gegenzug dafür, dass sie fiktive schaffen (die Bank kann Geld aus dem Nichts schöpfen). Wenn der Knick kommt, fordern die Banken die Realwerte ein. So geschehen in Griechland und in Spanien, mit dem Unterschied, dass die Gerichte in Spanien die massenhaften Enteignungen verhindert haben.

Forschungsillusionen

Der phänomenale Erfolg dieser Wirtschaftsform macht auch anderswo die Runde. In der Wissenschaft ist es jetzt in Mode gekommen, dass man sich an der Werterzeugung beteiligen muss. Forschung muss Produktivität steigern. So weit, so gut. Da die Universitäten inzwischen wie Firmen betrieben werden, wird jetzt Produktivität eng ausgelegt: Wer Geld an die Uni bringt, ist jetzt produktiv. Alle anderen kosten nur.

Da das Einwerben von Geld Zeit kostet, wird der Professor umgehend entlastet. Das Geld wird in der Regel zur Beschäftigung von Assistenten verwendet, die den wissenschaftlichen Mehrwert erzeugen. Der Professor wird nun daran beteiligt, indem er auf sämtlichen Arbeiten als Autor erscheint. Er forscht nicht, er lässt forschen. Und er wird — völlig legal — mit allen Vorteilen der Publikation bedacht. Er erhöht sein Renommé und damit seine Chancen auf mehr Geld. Der perfekte Kreislauf.

Auch hier wird eine Wachstumsillusion geschaffen. Pl√∂tzlich schaffen es haufenweise Professoren, jährlich Dutzende von Veröffentlichungen zu schreiben, und alle anderen werden an diesem Rekord gemessen. Dass eine solche Massenproduktion schlechterdings unmöglich ist (ein paar Genies ausgenommen), wird gar nicht mehr diskutiert. Die Universität bekommen immer weniger Geld, weil ja die Einwerbung von Geldern so gut funktioniert. Und so werden sie mit vielen Zeitarbeitskräften bevölkert, die außer das Interesse an der Sache noch die Hoffnung auf eine Dauerstelle bei der Stange hält. Aber genau diese werden jetzt rar. Dass die Einwerbung von Geld ironischerweise an der grundlegenden ökonomischen Misere oft nichts ändert, wird als Problem der Feinsteuerung erklärt. Mit den richtigen Anreizen wird alles gut.

Es ist langfristig nicht egal, ob wir lediglich bei dem Forschungsmanagement innovativ sind sondern bei der Forschung selbst. Genauso wenig ist egal, ob wir innovative Finanzprodukte herstellen können oder tatsächliche Werte. Bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, wird wohl noch eine Weile vergehen. Der Problemdruck muss noch wachsen.





Marcus Kracht, 2017-5-12